Chantal Amend
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Solange es Menschen gibt, gibt es auch schon den Kontakt zu Krankheitserregern (=Pathogene wie Viren, Bakterien und Pilze) und einen Wettkampf um’s Überleben. Mikroorganismen haben im Laufe der Vergangenheit Mechanismen entwickelt (und passen sich auch heute noch immer wieder an), gegen die wir uns nur schwer verteidigen können.

Unser Organismus musste sich ständig an neue Anforderungen anpassen, die weit über die reine Krankheitsabwehr hinaus gehen: Klimaveränderungen, Mangel an Nahrung und Wasser, Verletzungen, fehlende Hygiene und mikrobielle Belastung, sowie die Notwendigkeit für Bewegung zur Nahrungsbeschaffung, um Unterkünfte zu bauen und den Standort zu wechseln. All das war Millionen von Jahren unser tägliches Business. Nur wer mit diesen unterschiedlichen Anforderungen flexibel umgehen und sich schnell daran anpassen konnte, hatte gute Überlebenschancen.

Genau dadurch konnten sich im Laufe der Evolution ein paar Mechanismen entwickeln, die uns das Überleben sicherten. Dabei ist unser Immunsystem eine Art Lebensversicherung und sechster Sinn: es reagiert auf potenzielle Gefahren und nutzt dafür auch alle anderen Sinne, wie hören, sehen, riechen, fühlen und schmecken, um schon im Vorfeld Bedrohungen abschätzen und abwehren zu können. Eine Unterscheidung macht es dabei nach „fremd“ oder „vertraut“ – Substanzen, die unser Immunsystem als vertraut und harmlos abgespeichert hat, lösen keine oder nur eine geringe, entzündungshemmende Reaktion aus. Fremde Substanzen, oder solche die wir bereits als schädlich abgespeichert haben, führen jedoch zu einer mehr oder weniger starken Entzündungsreaktion, mit der Ausschüttung von Immunbotenstoffen (=Cytokine) und Krankheitsverhalten, wie Rückzug, Appetitlosigkeit und Müdigkeit. Cytokine sind auch in der Lage, Ressourcen (vor allem Glucose als Energiequelle) von anderen Organen zu Gunsten des Immunsystems abzuzweigen. Aufgrund der begrenzten Energiespeicher ist das allerdings nur eine gewisse Zeit möglich.

Umso schneller der Organismus in der Lage war, wieder zum Ausgangszustand zurückzukehren, desto höher waren die Überlebenschancen. Abhängig war und ist das auch heute noch, von der Immunsignatur.

Eine schnelle Genesung nach einem Infekt oder einer Verletzung, war also entscheidend, um nicht an der energiezehrenden Arbeit des Immunsystems zu sterben und bald wieder Nahrung aufnehmen zu können. Umso schneller der Organismus in der Lage war, wieder zum Ausgangszustand zurückzukehren, desto höher waren die Überlebenschancen. Abhängig war und ist das auch heute noch, von der Immunsignatur.

Heute hat unser Körper immer noch die evolutionäre Grundeinstellung von früher, während sich unser Umfeld und die auf uns wirkenden Herausforderungen vor allem in den letzten 100 Jahren sehr stark verändert haben:

  • Nahrung und Wasser sind dauerhaft verfügbar. Richtigen Hunger kennen wir nicht mehr, es wird zu oft und zu viel gegessen. Dieses Zuviel wird als „Depot für schlechte Zeiten gespeichert“. Unser Stoffwechsel wird unflexibel, das Gehirn verlangt über Heißhunger sofort nach Nachschub, statt erstmal die Reserven zu nutzen.
  • Reizüberflutung mit schlechten Nachrichten, finanziellen Sorgen und psycho-emotionalem Stress – unser Gehirn ist im ständigen Alarmmodus gefangen. Das führt zu Stressreaktionen, da wir evolutionär bei Gefahr eigentlich Kämpfen oder Flüchten müssten.
  • Nährstoffmangel – die Nahrung die wir essen, liefert uns zwar Energie, jedoch fehlt es ihr an essenziellen Nährstoffen, die die vielen kleinen Zahnräder im Organismus am laufen halten
  • Qualität der Nahrung (weniger Nährstoffe, Pestizide, Insektizide, Massentierhaltung)
  • Neue Toxine, wie Umweltgifte, Mikropartikel, Medikamente, Drogen, Alkohol, Nikotin – Entgiftungsorgane kommen mit dem Unschädlichmachen und Ausleiten kaum noch hinterher. Toxine werden in Geweben gespeichert und/oder lösen Entzündungen aus.
  • Bewegungsmangel – Notwendigkeit für Bewegung fehlt, Muskelschwund und -schwäche, Durchblutungsstörungen, chronische Schmerzen und Entzündungen folgen.

All diese Anforderungen haben einen Einfluss auf unser Immunsystem, das mit der altbewährten Strategie der Entzündung reagiert. Viele dieser Reize sind jedoch nicht stark genug, um eine vollständige Entzündung auszulösen, die hochfährt und dann nach ein paar Tagen wieder beendet wird. Stattdessen entsteht eine niedriggradige Entzündung, die wie die Glut eines Feuers vor sich hin schwelt und unter viel Qualm enorme Mengen an Ressourcen verbraucht (Energie und Mikronährstoffe).Häufig ist es heute nicht nur eine Herausforderung mit der wir kurzfristig konfrontiert werden – die Belastungen akkumulieren sich und jeder neue Stressfaktor ist wie ein Schwall Wasser, der in das eh schon volle Regenfass geschüttet wird, dessen Abfluss verstopft ist. Umso voller dieses Fass wird, desto geringer wird die Fähigkeit mit zusätzlichen Herausforderungen umzugehen.Leider ist es keine Seltenheit, dass gleich mehrere dieser neuen Herausforderungen das Immunsystem vieler Menschen über Jahre in einer Daueraktivierung halten. Es ist wie eine Lösungssuche ohne Ende.Reaktionen, die physiologisch völlig normal sind, führen dann langfristig erst zu Symptomen, dann zu Gewebeschäden und Krankheiten. Der Körper wird in den Dienst des Immunsystems gestellt. Flurschaden wird in Kauf genommen, um den Körper vor noch Schlimmerem (dem Tod) zu schützen.Damit ist die chronische Entzündung die Ursache aller Ursachen in der Krankheitsentstehung. Sie legt den Grundstein für Folgeerkrankungen, wie Diabetes Typ 2, metabolisches Syndrom, Bluthochdruck, Herz-Kreislauf-Erkrankungen, chronische Erschöpfung, Depressionen, Neurodegenerative Erkrankungen, Autoimmunerkrankungen und schwere Verläufe von COVID-19.Ein flexibler Stoffwechsel, ein flexibles Immunsystem und ein flexibler Geist sind die Voraussetzung für Gesundheit, Wohlbefinden und Lebensqualität. Mit unserem täglichen Verhalten haben wir sehr viel davon selbst in der Hand. Wir können unser Immunsystem auf entzündungshemmend „einstellen“. Wir können unseren Stoffwechsel anpassen, um mit jeder Energiequelle gut umzugehen und sogar mal ganz ohne Nahrung auszukommen. Wir können sogar unseren Geist trainieren, um gute Entscheidungen zu treffen und damit unser Leben und unsere Gesundheit eigenverantwortlich gestalten.Wir haben es uns mit der Immunsignatur zur Aufgabe gemacht, dir Wissen und praktische Lösungen an die Hand zu geben, um deine Gesundheit wieder in die eigenen Hände nehmen und verbessern zu können.

Quellen :

Pruimboom, L. & Reheis, D. (2020). Werde wieder Mensch. Plumtree Editorial, Den Haag.

Ruiz-Núñez, B., Pruimboom, L., Dijck-Brouwer, D. A., & Muskiet, F. A. (2013). Lifestyle and nutritional imbalances associated with Western diseases: causes and consequences of chronic systemic low-grade inflammation in an evolutionary context. The Journal of nutritional biochemistry24(7), 1183–1201. https://doi.org/10.1016/j.jnutbio.2013.02.009

Bosma-den Boer, M. M., van Wetten, M. L., & Pruimboom, L. (2012). Chronic inflammatory diseases are stimulated by current lifestyle: how diet, stress levels and medication prevent our body from recovering. Nutrition & metabolism9(1), 32. https://doi.org/10.1186/1743-7075-9-32