Malte Herberhold
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Unser Darm ist mit seinen insgesamt ca. 200m² Oberfläche nicht nur fast 100mal größer als unsere Körperoberfläche, sondern ist gleichzeitig das größte Immunorgan unseres Körpers.


In diesem Artikel erfährst du daher:

  • Was der Darm alles mit unserem Immunsystem zu tun hat
  • Wie Du mit Deiner Ernährung darauf Einfluss nehmen kannst
  • Was es sonst noch für Mittel und Wege gibt, um deinem Darmimmunsystem auf die Sprünge zu helfen


Das so genannte Darm-assoziierte Immunsystem (GALT – von engl. Gut-Associated Lymphatic Tissue) beherbergt über 70% aller Antikörper-produzierenden Zellen des Körpers. Das ist natürlich deswegen sinnvoll, da unser Darm wie auch unsere Haut oder unsere Schleimhäute als erste Barriere zwischen Außenwelt und unserem Inneren dienen.


Die Aufgabe des GALT ist gleichzeitig einfach wie komplex, denn es muss laufend zwischen gut und böse unterscheiden.
Der Magen-Darm-Trakt kommt durch die aufgenommene Nahrung besonders häufig mit unserer Umwelt und dadurch mit Keimen und Fremdkörpern in Kontakt.
Diffuse Ansammlungen von Lymphozyten, lockere Verbände von Lymphfollikeln oder organisiertes lymphatisches Gewebe im Blinddarm sorgen dafür, dass nichts in den Körper gelangt, was da nicht hin gehört.
Neben den verschiedenen Immunzellen konnte gezeigt werden, dass auch die Darmepithelzellen aktiv an der Immunabwehr beteiligt sind und dass obwohl diese Zellen keine Immunzellen sind.
Vielmehr bilden sie antimikrobielle Peptide und können darüber hinaus ihren Zellverbund verdichten, so dass sich eine Zell-Barriere schließt und die Bakterien die Darmwand nicht mehr durchdringen können.[1]


100 Billionen Mikroorganismen bilden unser Mikrobiom


Darüber hinaus befindet sich die unglaubliche Zahl von über 100 Billionen Mikroorganismen in unserem Darm, welche unsere Darmflora, oder auch Mikrobiom genannt, bilden.
Als wichtiger Teil unserer Verdauungsfunktion sind diese Mikroorganismen bereits länger bekannt. Mittlerweile steht aber auch deren essentielle Rolle für unser Immunsystem fest. Eine intakte Darmflora verhindert zum einen die Ausbreitung von Erregern und sorgt zum anderen für eine intakte Barrierefunktion der Darmwand.
Zusätzlich sind die vielen Mikroorganismen wichtig für die Entwicklung und funktionelle Reifung des Darmimmunsystems, einschließlich des Darm-assoziiertem Lymphgewebes, den T-Helfer-Zellen, IgA-produzierenden B-Zellen und angeborenen Lymphoidzellen.[2]


Funktioniert dieses perfekte System aus Immunzellen, Darmbarriere und Mikrobiom aber nicht mehr, kann es zu einer Vielzahl von Problemen kommen.


Der westliche Lebensstil mit seiner nicht artgerechten und einseitigen Ernährung, dem Mangel an Bewegung, psychischem Stress sowie dem Fehlen von klassischen hormetischen Reizen wie Wärme oder Kälte führt zu chronischen niedriggradigen Entzündungsprozessen, einer so genannten Metainflammation.[3][4]


Wie in einem anderen Artikel auf immunsignatur.de bereits beschrieben, bringen diese Entzündungsprozesse, das oben beschriebene Gleichgewicht unseres GALT-Systems durcheinander und führen langfristig auch zu chronischen Krankheiten wie Diabetes, Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Neurodegenerativen Erkrankungen oder Krebs.[5]


Ursache ist, dass die Darmwand, also die Epithelzellen und die so genannten Tight junctions, aufgrund der oben genannten Einflüsse, durchlässiger werden. Fremdkörper, Toxine und Krankheitserreger können so einfacher diese Barriere überwinden und in den Körper gelangen. Folge ist ein überstimmuliertes Immunsystem, welches auf lange Sicht nicht mehr adäquat und angepasst reagieren kann.

Das hat zu Folge, dass unser Körper auf einen Infekt entweder zu schwach oder überschießend reagiert. Insbesondere bei der aktuellen Sars-Cov-2 Pandemie ist bekannt, dass viele Menschen genau an einem solchen überschießend reagierendem Immunsystem versterben.


Mikrobiom beeinflusst die Schwere einer Covid-19 Erkrankung

Eine kürzlich erschienene Studie zeigt, dass die Beschaffenheit der Darmmikrobiota in Zusammenhang mit der Schwere einer Covid-19-Erkrankung steht.[6]


Auch konnte ein Zusammenhang zwischen hohen LPS Leveln und der Schwere einer SarS-Cov-2 Erkrankung insbesondere im Hinblick auf übermäßige Entzündungsreaktionen des Körpers festgestellt werden.[7]


LPS (Lipopolysaccharide) befinden sich in der äußeren Membran von Bakterien, beim Zerfall werden diese Stoffe frei und wirken auf unseren Körper toxisch, wodurch diese von unserem Körper als Antigen detektiert werden und eine Immunreaktion auslösen. In Studien konnte bereits mehrfach der Zusammenhang eines hohen LPS Levels und einer schlecht funktionierenden Barrierefunktion des Darms festgestellt werden.[8][9]


Long story short: Der Darm beeinflusst unser Immunsystem auf vielfältige Weise und hat nicht nur einen großen Einfluss auf ein akutes Infektgeschehen, sondern ebenfalls auf chronische Zivilisationskrankheiten auf der Basis einer niedriggradigen Entzündung.


Wenn ein so großer Teil unseres Immunsystems im Darm sitzt, liegt es natürlich nahe, die Abwehrkräfte auch aus dem Bauch heraus zu stärken. Aber wie genau stellen wir das an?

Probiotika als Futter für unser Mikrobiom


Studien zeigen den großen Einfluss von Probiotika für unser Immunsystem. [10][11] Die epitheliale Barrierefunktion wird wieder verbessert, es kommt zu einer Regulation des Mucus (Schleimschicht) und zu einer direkten antimikrobielle Wirkung.
Außerdem zur Modulierung der Immunantwort durch Hemmung von NFkB, Steigerung von Inflammasomen und Interleukinen und Steigerung von regulatorischen T-Zellen.[12]


Artgerechte und abwechslungsreiche Ernährung

  • Eine ausgewogene und artgerechte Ernährung ist das A und O. Pflanzliche Kost, Fisch, Fleisch, gute Ballaststoffe und möglichst wenig Antinährstoffe (Gluten, Lektine, Saponine, Phytinsäure etc.) sollten hauptsächlich auf deinem Speiseplan stehen.
  • Süßigkeiten, süße Getränke und Zucker im Allgemeinen sollten hingegen von Deiner Einkaufsliste verschwinden. Gleiches gilt natürlich für Alkohol und Zigaretten.
  • Reduziere den Anteil an Getreide, Reis, Kartoffeln und Hülsenfrüchte aufgrund Ihrer zahlreichen Antinährstoffen. Erhöhe stattdessen die Vielfalt in deiner Ernährung.
  • Mit zusätzlichen Mikronährstoffen kannst du außerdem deine Immunzellen im GALT unterstützen. Vitamin C als Antioxidans, Eisen und B-Vitamine für die Produktion unserer Antikörper sowie Zink und Selen für gut funktionierende T-Lymphozyten.

Weniger ist manchmal mehr


Reduziere deine Mahlzeitenfrequenz oder leg besser noch Fastentage ein, damit dein Verdauungssystem auch mal wieder durchatmen kann.
Fasten sorgt dafür, dass deine Zellen nicht überfordert werden und eine bessere Energiebereitstellung in der Zelle entsteht. Je mehr Energie unsere Zellen produzieren, desto besser funktioniert auch unser Immunsystem.
Außerdem wird beim Fasten der Selbstreinigungsprozess der Zelle ausgelöst, der fehlerhafte oder nicht mehr benötigte Zellbestandteile abbaut und verwertet, bevor das Immunsystem in Form von Zellentzündung eingreifen muss.


Wenn Du mehr darüber wissen willst – mit dem Perspektivwechsel Immunsignatur zeigen wir dir viele weitere Lebensstilinterventionen auf, die wirklich positive Effekte auf deine Immunsignatur haben werden und somit Das Risiko für Infektionen aber auch für chronische Erkrankungen senkt.

Literatur:

[1] Friedrich C, Mamareli P, Thiemann S, Kruse F, Wang Z, Holzmann B, Strowig T, Sparwasser T and Lochner M. (2017) MyD88 signaling in dendritic cells and the intestinal epithelium controls immunity against intestinal infection with C. rodentium. PLoS Pathog 13(5) 

[2] Role of the gut microbiota in immunity and inflammatory disease; Nobuhiko Kamada, Sang-Uk Seo, Grace Y. Chen & Gabriel Núñez 

[3] Train to Lose: Innate Immune Memory in Metaflammation; Hugo Charles‐Messance Frederick J. Sheedy 

[4] The Western lifestyle has lasting effects on metaflammation; Anette Christ & Eicke Latz  

[5] The western diet and lifestyle and diseases of civilization; Carrera-Bastos P, Fontes, O’Keefe J, Lindeberg S, Cordain L

[6] Gut microbiota composition reflects disease severity and dysfunctional immune responses in patients with COVID-19; Yun Kit Yeoh , Tao Zuo , Grace Chung-Yan Lui, Fen Zhang, Qin Liu, Amy YL Li, Arthur CK Chung, Chun Pan Cheung,2,3,4 Eugene YK Tso,6 Kitty SC Fung,7 Veronica Chan,6 Lowell Ling,8 Gavin Joynt,8 David Shu-Cheong Hui, Kai Ming Chow, Susanna So Shan Ng, Timothy Chun-Man Li, Rita WY Ng, Terry CF Yip,3,4 Grace Lai-Hung, Wong , Francis KL Chan ,Chun Kwok Wong,9 Paul KS ChanSiew C Ng

[7] SARS-CoV-2 Spike protein binds to bacterial lipopolysaccharide and boosts proinflammatory activity

Ganna Petruk, Manoj Puthia, Jitka Petrlova, Firdaus Samsudin, Ann-Charlotte Strömdahl, Samuel Cerps, Lena Uller, Sven Kjellström, Peter J Bond, Artur Schmidtchen

[8] Jayashree B et al. Increased circulatory levels of lipopolysaccharide (LPS) and zonulin signify novel biomarkers of proinflammation in patients with type 2 diabetes. Mol. Cell. Biochem 2014; 388: 203–210

[9] Rivest S et al.: How the Blood Talks to the Brain Parenchyma and the Paraventricular Nucleus of the 

Hypothalamus During Systemic Inflammatory and Infectious Stimuli. Proc Soc Exp Biol Med 2000;223(1):22-38.

[10] Short-term probiotic supplementation enhances cellular immune function in healthy elderly: systematic review and meta-analysis of controlled studies Larry E.Millera Liisa Lehtoranta Markus J.Lehtinen 

[11] Nature Communications; Heterochronic faecal transplantation boosts gut germinal centres in aged mice; Marisa Stebegg, Alyssa Silva-Cayetano, Silvia Innocentin, Timothy P. Jenkins, Cinzia Cantacessi, Colin Gilbert & Michelle A. Linterman 

[12] Nat Rev Immunol.; Gut microbiota, metabolites and host immunity; Michelle G Rooks, Wendy S Garrett