Warum funktioniert Lebensstilmedizin?

 

Keine Alternative, sondern eine Ergänzung – hier findest du die zentralen Prinzipien von Lebensstilmedizin.

»Es geht nicht bloß darum, Todesursachen zu verhindern, sondern auch darum, Lebensursachen zu finden«

 

Die Idee ist weder neu noch besonders kompliziert.

Wir leben mit alten Genen in einem neuen Umfeld. Wir wissen, welche Schalter wir aktivieren müssen, damit die uralten, molekularen Mechanismen in unserem Körper gut funktionieren, bzw. wieder in Gang geraten.

Was wir dazu brauchen, ist zweierlei: Ressourcen und Herausforderungen. Herausforderungen in Form von Reizen – von lebensnotwendigen Lebensstilreizen (deshalb auch Vitagene genannt, also lebenserweckende Reize).

Unser Körper reagiert konstant auf sein Umfeld (Stichwort: Anpassung). Dies tut er mit Hilfe der Ausschüttung von Neurotransmittern, Hormonen und weiteren Substanzen, die auf unseren Stoffwechsel wirken.

Wenn wir in Bewegung kommen, dann schüttet der Körper in manchen Arealen des Körpers gefäßentspannende Substanzen und in anderen Arealen gefäßverengende Substanzen aus.

Wenn wir ruhen, dann passiert das Gegenteil. Wenn wir tief ein- und ausatmen, dann sinkt der Kohlensäurespiegel (CO2) in unserem Blut – das verengt die Gefäße. Wenn wir die Luft anhalten, dann steigt der Kohlensäurespiegel im Blut und die Gefäße erweitern sich.

Wenn wir frieren, dann aktiviert der Körper Stoffwechselpfade, die die Wärmeproduktion in den Zellen und über die Schilddrüse steigern.

Wenn wir erhitzen, dann verändert sich das Nervensystem und der Blutfluss auf eine Art und Weise, dass Wärme nach außen transportiert wird.

Wenn wir hungern, dann müssen sich im Körper Stoffwechselpfade umstellen, die Energie in den Organen (zum Beispiel im Fettgewebe und in der Leber) mobilisieren, damit das Gehirn und das Immunsystem noch immer konstant mit Energie versorgt werden.

All diese massiven Umstellungen macht unser Körper, um ein inneres Gleichgewicht (die Homöostase) zu erhalten.

All diese Regulationsmechanismen müssen wir regelmäßig nutzen, damit wir sie nicht verlieren. Denn alles, was wir in der Biologie nicht benutzen, das degeneriert. »Use it or lose it«.
Heißt: Wenn wir diese Regulationsmechanismen zu lange nicht benutzt haben – weil wir zu selten frieren und schwitzen, weil wir zu selten Hunger oder Durst erfahren, weil wir uns zu selten bewegen oder weil keine Atemschwankungen erleben, dann verlieren wir auch einen Teil Regulationsfähigkeit. Wir verlieren Anpassungsfähigkeit.

Und damit betreten wir den Risikobereich. Und wenn etwas in unserem Leben aus der Bahn läuft, auf das sich unser Körper anpassen müsste, er es aber nicht kann – dann stehen wir vor einem hohen Risiko für Fehlanpassungen, Erkrankungen und Verletzungen.

Das gute an Anpassungsfähigkeit ist, dass sie in beide Richtungen funktioniert. Wir können sie steigern. Und darin liegt die Idee von Lebensstilmedizin.

Prinzipien der Lebensstilmedizin

 

1. »Hormesis, die vergessene Wissenschaft«
2. »Gesundheit braucht alle Perspektiven«
3. »Epigenetik: Menschen können sich (selbst) ändern«
4. »Die Apotheke unseres Körpers«
5. »Biologie verschleißt nicht«

 

1. Prinzip

»Hormesis – die vergessene Wissenschaft«

Hormesis ist das wissenschaftliche Konzept für »Was dich nicht umbringt, macht dich stärker.« Es ist die wunderbare Fähigkeit biologischer Lebewesen, auf Herausforderung mit Wachstum, statt mit Verschleiß zu reagieren.

Deshalb ist Hormesis ist das Grundprinzip hinter Lebensstilmedizin, Anpassungsfähigkeit und einem artgerechten Leben für die biologischen Körper, die wir sind.

Ein hormetischer Reiz macht das biologische System für einen kurzen Zeitraum schwächer, dann schläft man eine Nacht drüber und wacht am nächsten Morgen besser und gesünder auf.
Ein biologisches System, das Hormesis verliert (aufgrund von fehlenden Herausforderungen und/oder fehlenden Ressourcen) verliert an Lebendigkeit. Und dann sagen wir Dinge wie: »Ich funktioniere nur noch.«

Funktionalität ist eine Eigenschaft von mechanischen Systemen und nicht von lebendigen, biologischen Systemen – ein biologisches System lebt.
Absurd, dass wir über so etwas reden, oder? Historisch ist es jedoch leicht herzuleiten. Mit dem Beginn der Industrialisierung im 17. Und 18. Jahrhundert hat sich für uns Menschen extrem viel verändert. Vor allem auch unsere Denkweise – unsere Perspektive auf die Dinge. Sie wurde mechanischer. Wir haben gelernt, Herausforderungen zu systematisieren, zu fragmentieren, zu skalieren. Auch die Medizin und Gesundheit.

Damit sind große Erfolge verbunden (vgl. Kapitel 1.2.1 der Immunsignatur Ausbildung). Wir haben einen Großteil der akuten Bedrohungen für unser Überleben und unsere Gesundheit in den Griff bekommen – die mechanischen Probleme, wie zum Beispiel Knochenbrüche, Darm- oder Herzverstopfungen, etc.
Aber wir haben gleichzeitig die wunderbare Wissenschaft der Hormesis etwas aus den Augen verloren. Und das fehlt uns besonders in der Prävention und Behandlung von chronischen Erkrankungen.

Deswegen sagen wir im MOJO INSTITUT so oft: »Merci, René!« – stellvertretend an René Descartes, einen der zentralen Köpfe hinter dem mechanistischen Weltbild. Danke für alles! Aber nun bricht eine neue Zeit an. Eine biologische Revolution. Ein weiterer Perspektivwechsel.

2. Prinzip

»Gesundheit braucht alle Perspektiven«

Jede medizinische Intervention kann zum Ziel haben, hormetisch zu agieren – und damit die körpereigenen Regenerationsmechanismen zu aktivieren – oder supportiv – und damit wie eine Krücke für den Körper zu agieren.

Wenn die Füße schmerzen, ist das Barfußlaufen die hormetische Strategie. Das orthopädische Schuhwerk ist die supportive Strategie.

Es gibt dabei kein richtig/falsch. Beides hat Vor- und Nachteile. Beides hat seine Daseinsberechtigung – daher ist der subjektive Kontext jedes einzelnen Menschen essentiell für den Therapieerfolg. Es gibt nicht die eine Blaupause für Gesundheit, okay, aber es gibt unzählige Prinzipien.

Die hormetische Strategie ist häufig langsamer, aber dafür stabiler und variantenreicher. Sie generiert Autonomie und Anpassungsfähigkeit. Die supportive Strategie ist schnell, aber nimmt dem Körper auch die Chance selbst zu regulieren, was zur Degeneration der Regulationssysteme führt.
Eine rein supportive Strategie endet häufig in einem massiven Betreuungsaufwand und einem Mikromanagement von körperlichen Funktionen, die eigentlich eine gute Kompetenz haben sich selbst zu regulieren.

Alle medizinischen Interventionen zusätzlich in die Kategorien evidenzbasiert und empirisch unterteilen.

Evidenzbasiert heißt, dass es große, klinische Studien gibt, die den Nutzen nachgewiesen haben. Empirisch bedeutet, dass es zwar subjektive Berichte über Wirksamkeit gibt, jedoch bislang kein wissenschaftlicher Nutzennachweis gelungen ist. Dafür kann es unterschiedliche Gründe geben. Natürlich kann die Methode tatsächlich unwirksam sein. Manchmal können aber auch die Kriterien und Messverfahren für eine wissenschaftliche Validierung schlichtweg unzureichend sein.

3. Prinzip

»Epigenetik – Menschen können sich (selbst) ändern«

Der menschliche Gencode (das Genom, die DNA) enthält einen sehr langen Buchstabencode mit so vielen Buchstaben, wie 2000 Telefonbücher.

Zu jedem Zeitpunkt werden nur etwa 1% unseres Gencodes abgelesen. Welcher Teil das ist, bestimmt unser Lebensstil. Die Genetik ist also die gesamte Bauanleitung für alles. Die Epigenetik ist der Prozess der lebensstilabhängigen Varianz dessen, was abgelesen wird.

Teil dieses Buchstabencodes sind die Bauanleitungen für alle biochemischen Substanzen, die unser Körper produzieren kann. Wenn unser Körper irgendwas braucht, erhalten die beteiligten Zellen ein Signal, diese Substanz zu produzieren. Dann wird der Gencode an der entsprechenden Stelle aufgeschlagen, die Bauanleitung wird abgelesen und die Produktion gestartet.

Warum ist das interessant? Zum einen heißt es, dass nicht zu jedem Zeitpunkt, jeder Teil unseres Gencodes abgelesen wird. Sondern vor allem das, was wir brauchen, wenn wir es brauchen.
Der Gencode für die Anatomie unserer Nase wird nicht so oft gebraucht, wie der Gencode für Adrenalin, für Testosteron oder für Magensäure.

Wir wissen allerdings auch, dass je öfter wir bestimmte Subtanzen benötigen – und je öfter der Gencode dafür abgelesen wird – desto einfacher die Epigenetik diesen Prozess für die Zelle gestaltet (Anpassungsfähigkeit). Und dieses Verständnis verändert alles!
Der Prozess dahinter ist natürlich komplex. Aber du kannst es dir so vorstellen, als würden die Seiten im Buch einfach aufgeschlagen bleiben.

So werden Prozesse in unserem Körper chronisch – wenn wir zum Beispiel jeden Tag im Job krass unter Strom stehen, wird Adrenalin irgendwann nicht mehr auf Anfrage (also in akuten Fällen) produziert, sondern chronisch. Und das heißt dann, dass wir intern (subjektiv und empirisch) sogar dann einen Stresszustand erleben, wenn wir extern gar keinen Stress haben.

Lies die letzten Absätze am besten noch mal. Dieses Verständnis von Epigenetik verdient alle Aufmerksamkeit, die es kriegen kann.

Zum Glück, wie immer, wirkt das Prinzip in beide Richtungen. Genauso, wie es epigenetisch verankerten, chronischen Stress gibt, kann die Lesebrille auch über den Hormonen für Freude, Spaß, Motivation, Stolz, etc. einrasten. So kann chronische Freude, chronischer Spaß, chronische Motivation, und chronischer Stolz kultiviert werden. Genauso wie man chronisch krank werden kann, kann man auch chronisch gesund werden. Alles eine Frage des Lebensstils.

Das was wir tun, nimmt Einfluss auf unsere Epigenetik und unsere Epigenetik gestaltet, wer wir sind.

Menschen können sich (selbst) ändern.

4. Prinzip

»Die Apotheke unseres Körpers«

Unser Körper hat den Gencode für alle Substanzen, die er braucht, um chronisch gesund zu sein.

Natürlich braucht er essentielle Nährstoffe (Vitamine) aus der Nahrung. Aber wenn er die hat, dann ist er in der Lage, nahezu jede Medizin zu produzieren, die er braucht. Die Lebensstilmedizin ist fast jeder pharmakologischen Medizin überlegen, wenn es um chronische Erkrankungen des Energiestoffwechsels geht.
Um die Apotheke des Körpers zu aktivieren, braucht es nur die richtigen Herausforderungen (Die 5 Doktoren mit den Methoden der Lebensstilmedizin) und die richtigen Ressourcen (Vitamine, Nährstoffe, Schlaf).

Die Substanzen der Apotheke des Körpers sind so mächtig, dass die pharmakologische Medizin fast nichts anderes probiert, als diese Substanzen in eine Pille zu verpacken.

Cortison? Körpereigene Substanz.
Beta-Blocker? Körpereigene Substanzen.
Melatonin? Körpereigene Substanz.
Interferone und Immunglobuline? Körpereigene Substanzen.
Säureblocker? Körpereigene Substanzen.
Cholesterinsenker? Körpereigene Substanzen.

Natürlich gibt es akute Situationen, in denen diese Substanzen in supraphysiologischen Dosierungen (also mehr als der Körper davon aktuell produzieren kann) benötigt werden. Dies soll daher kein Statement gegen Pharmakologie sein, sondern lediglich ein Statement für das Potential unserer körpereigenen Apotheke.
Eine chronische Einnahme dieser pharmakologischen Substanzen ist nämlich in den meisten Fällen durch eine Aktivierung der Apotheke des Körpers austauschbar.

5. Prinzip

»Biologie verschleißt nicht«

Dass biologische Lebewesen grundsätzlich anders reagieren als mechanische Systeme, wie Autos und Maschinen, war immer bekannt. Es ist aber – gerade in der Medizin – etwas aus dem Blick geraten.

Für ein Auto ist es korrekt zu sagen, dass es mit jeder weiteren Benutzung schlechter wird. Bei biologischen Körpern ist es jedoch so, dass sie mit Benutzung besser werden. Und der Mangel an Herausforderung führt zur Degeneration aller körperlichen Systeme.

Eine Autofelge wird mit mehr Kilometern immer schlechter. Ein Knorpel im Knie wird mit mehr Kilometern bei richtiger Nutzung und ohne Metaflammation besser.

Denn im Gegensatz zu einer Autofelge, tauscht sich das Material in unseren Gelenk täglich und ständig neu aus. Es besteht ein fließendes Gleichgewicht zwischen Knorpelabbau und Knorpelaufbau. Erst wenn der Knorpelaufbau (z.B. durch Metaflammation oder Nährstoffmängel) gestört ist – oder aufgrund von Metaflammation ein übermäßiger Knorpelabbau entsteht (vgl. Kapitel 1.1.5 der Immunsignatur Ausbildung) – dann verschiebt sich das Fließgleichgewicht und der Knorpel wird weniger.
 
In der Medizin ist dieses fundamentale, biologische Prinzip so in Vergessenheit geraten, dass sich viele Orthopäden an den letzten Sätzen sehr stören würden. Aber gerade in den letzten Jahren wird die Rolle des Stoffwechsels in selbst so mechanischen Bereichen wie der Orthopädie wieder neu entdeckt. Zu der Arthrose sagt man schon jetzt in vielen Fällen »metabolische Arthrose«.